Literaturgottesdienst 2019 Predigt

 

Cornelia Elke Schray

 

 

 

 Meine Zeit steht in deinen Händen

 

Momo, das Kind, das den Menschen, die gestohlene Zeit zurückbrachte

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wie zufällig, ich glaube aber nicht an Zufälle, dafür an ein Geführtwerden, las ich, dass Michael Ende in diesem Jahr, 90 Jahre alt geworden wäre und die Idee, sich mit seinem Buch Momo, aus dem Jahr 1973, zu beschäftigen, nahm Gestalt an. Michael Ende wurde am 12. November 1929 in Garmisch geboren und starb am 28. August 1995 in Filderstadt im Alter von 75 Jahren. Er erhielt für sein Schaffen unzählige Preise. Aus seiner Feder stammen u.a. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, „Die unendliche Geschichte“ und eben Momo. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Seine tiefgründigen wortgewaltigen Bücher für Kinder wurden mehr als 30 Millionen Mal gedruckt. Als Vielleserin kannte ich seine Werke. Was würden sie mir heute, längst erwachsen, sagen? Hier ist Momos Geschichte.

 

„Eine große Stadt und ein kleines Mädchen. In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte.“

 

 Weit holt der Anfang des Buches aus. Greift zurück in eine Zeit, in der man noch abends einfach beisammen vor den Häusern saß, und redete. Wer das heute sieht, so ein Bänkle vor dem Haus, dem hüpft das Herz.

 

Zeit war noch so ewig, nicht mit der Stoppuhr, mit dem Kaffee im Pappbecher, gemessen.

 

Gott sprach: Es werden Lichter, an der Feste des Himmels, die da scheinen Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde.“. So in 1. Mose 1. Zeichen für Zeiten… Zeit aus der Fülle Gottes, die alles hervorbrachte. Sonne und Mond als allererster Taktgeber.

 

Was ist Zeit?

 

In der Ruine eines italienischen Amphitheaters, lebt Momo. Klein und mager, mit großen braunen Augen und wilden schwarzen Locken. Ihr Rock aus Stoffresten. Darüber trägt sie eine zu große Männerjacke. Sie versorgt sich selbst.  Ein paar Männer aus dem nahen Dorf, sehen in ihrem Unterschlupf vorbei. Momo antwortet auf die Frage, wann sie denn geboren sei mit: „Soweit ich mich erinnern kann, war ich schon immer da.“ Ja, wann haben wir angefangen zu leben? Ihr Alter gibt sie mit 102 Jahren an. „Ich brauche nicht viel“ sagt sie schüchtern. Die Menschen im Dorf sind freundlich und versorgen sie. Momo hat Zeit. Momo ist da.

 

„Je länger das kleine Mädchen bei ihnen war, desto unentbehrlicher wurde es ihnen“. Momo hatte eine Gabe, die hohe Kunst ist, sie konnte z u h ö r e n. „Wer noch nicht gemerkt hatte, dass er sie brauchte, zu dem sagten die anderen: Geh doch zu Momo.“

 

Das wurde eine Redewendung. Man sagte nicht mehr:“ Weiß der Himmel.“ Man sagte: Geh doch zu Momo. Sie war da und plötzlich wussten Ratlose, wie es geht. Streithammel versöhnten sich. Verzweifelte lebten.  Ein Kanarienvogel, der verstummt war, begann zu singen, als Momo ihm ein paar Stunden zugehört hat. Den Verstummten zuhören, bis sie wieder zu singen anfangen. Wie berührend. Wie notwendig. Wie menschlich. Wie ursprünglich. Woher nimmt sie diese Kraft? Wer ist Momo?

 

Sie hört den Sternen zu in der Nacht und hat ihre gewaltige Melodie in ihrem Herzen. „Wie bei Momo“, sagen die Kinder, kann man sonst nirgends spielen. Ihre Kreativität ist die Essenz des Lebens. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…sagt Jesus. Komm doch zu Jesus!

 

Momo hat viele Freunde, aber ein besonders guter ist Beppo, der Straßenkehrer. Beppo kehrt die Straßen mit all seiner Leidenschaft und einem dankbaren Herzen. Er erklärt Momo: „Manchmal hat man eine sehr lange Strecke vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, das kann man niemals schaffen. Man fängt an, sich zu eilen, man kriegt es mit der Angst, zum Schluss kann man nicht mehr.“ Und er zeigt ihr die Lösung: Schritt-Atemzug-Besenstrich. Bis die Straße fertig ist und sagt: „Man darf nie die ganze Straße auf einmal denken. Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer nur an den nächsten. Dann macht es Freude. So soll es sein.“ Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach nur den Tag zu erleben… in einem Gebet von Papst Johannes XXIII.

 

Nur für heute, will ich keine Angst haben. Heute. Die Zeit von Gott. Momo, so steht es im Buch, bewahrte diese Worte in ihrem Herzen. Diese drei Worte finden wir in der Bibel.

 

Girolamo. Ein zweiter Freund. Er ist Beerdigungsteilnehmer, Katzenfutterverkäufer, Liebesbriefträger, geborgen im Licht. Er atmet so gelassen aus der Fülle der Zeit, dass er sagt: „Ich werde es schaffen“. Glück ist auch die Abwesenheit von Selbstzweifeln, und die Anwesenheit von Vertrauen, dass das Leben gut geht. Weil weinen seine Zeit hat und lachen. Hoffen und Bangen.  Girolamo glaubt, dass Menschen für ein bisschen Wohlstand ihre Seele verkaufen. Was ist mit uns?

 

Beppo, Gigi und Momo. Auf ihr Leben, fällt bald ein grauer Schatten. „Die meisten Leute, so im Buch weiter, nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen über ein ganz alltägliches Geheimnis. Dieses Geheimnis ist die Zeit…. Es gibt Uhren und Kalender, jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen.“ Sie wissen. Was man eben erlebt. Warten auf die Prüfungsergebnisse der Kinder. Oh Gott! Glückselige Feste, Erfolge? An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit. Alles unter dem Himmel hat seine Stunde.

 

Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Wer das Märchen von Momo kennt, der weiß um das Erscheinen der grauen Herren.

 

„Niemand kannte den Wert einer Stunde, einer Minute, ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie.“

 

 Sie sind erst verborgen, aber möchten den Menschen ihre Zeit rauben. Und damit ihr Leben, das im Herzen schlägt. Die grauen Herren sind grau, sie sind die geraubte Zeit.  In ihrer Gegenwart beginnen alle lebendigen Menschen vor Kälte zu zittern.  Agenten von der Zeitsparkasse tauchen auf und rechnen den Menschen vor, was alles Zeitverschwendung sei: Um Arme und Kranke kümmern, an Blumen freuen, gütig zum Nachbarn sein, ein Lied singen. Keine Zeit mehr, um zu lachen und zu lieben.

 

„Gesparte Zeit ist doppelte Zeit. Zeit-Sparern gehört die Zukunft. Mach mehr aus deinem Leben, spare Zeit.“ Moment, Zeit ist doch, bei Gott, Leben. Und Leben wohnt in unseren Herzen. Meine Zeit steht in Gottes Händen. Hat es nicht unfassbare Folgen, diese Weisheit nicht mehr zu fühlen, zu glauben, zu leben? Wir können uns abarbeiten, uns hetzen, zusammenbrechen. Wir werden damit unser Leben nicht verlängern. Ist Zeitsparen möglich? Nicht schnell, schneller, am schnellsten. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Ruhe im Herzen. Beseelt von dem Geschenk der Zeit. Wohin sind wir denn gekommen mit all dem Stress, dem Wahn der Geschwindigkeit?

 

Die Menschen werden müde, nervös, freudlos, leer, verzweifelt, können nicht mehr träumen, meiden die Stille, weil in ihr die Sehnsucht ihrer Seelen erwacht. So geht es nach und nach allen Menschen, die den grauen Zeiträubern zum Opfer fallen. Die lachende Welt des Amphitheaters verschwindet. Die Zeit, in der es nichts Besseres für die Menschen gab, als fröhlich sein und sich gütlich zu tun im Leben, scheint vorbei. Wo ist sie nur geblieben? Das darf man sich täglich fragen. Komm doch zu Gott!

 

Weil Momo, das kleine Mädchen die Wahrheit kennt, dass nämlich Zeit nicht zu horten ist, und Gott die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt hat, wie in Prediger 3, ist sie gefährlich. Ein grauer Herr besucht sie und beschenkt sie mit einer teuren Puppe ohne Seele, die den sinnlosen Satz sagt: Alle werden dich um mich beneiden. Momo stellt dem grauen Herrn, dem Agenten die nackte Frage, die die Welt aus den Angeln hebt: Hat dich denn niemand lieb? Und rührt ihn an mit ihrer Hand. Echte Berührung, Begegnung heilt, befreit, reißt Masken vom Gesicht. Geh doch zu Jesus.

 

Der Agent bricht zusammen und erzählt sein Geheimnis. „Wer die Zeit der Menschen besitzt, hat unbegrenzte Macht.“ Wer raubt mir meine Zeit, um zu lachen, zu tanzen? Wer nimmt mir die Zeit, um mit meinen Blumen im Garten zu reden? Wem gebe ich die Macht über das Leben in meinem Herzen? „Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden, gib mir ein festes Herz.

 

 Mach es fest in dir. Gott.“ Unsere grauen Herren von der Zeitsparkasse haben Namen. Jeder kennt seine eigenen. Wir hetzen durchs Leben, als ob wir noch eins im Schrank hätten.

 

 Hat uns denn niemand lieb? Was macht uns so Angst? Die Zeit gehört uns nicht. Ich bin hier und alles ist jetzt.

 

In der Welt Momos hört man nun kein Kinderlachen mehr und Beppo Straßenkehrer? Ist in der Psychiatrie gelandet.

 

Momo, die es so liebt, ihre Zeit zu verschenken, weil sie fühlt, dass Gott die Ewigkeit in ihr Herz gelegt hat, möchte die Menschen retten, den Betrug beenden, die gestohlene Zeit zurückbringen.

 

Eine Schildkröte, die ihrer Zeit, immer eine halbe Stunde voraus ist, holt Momo ab. Eine Schildkröte, bringt Momo und dazu muss sie rückwärtsgehen zu Meister Hora. Hora. Lateinisch für Zeit, altgriechisch für Stunde.  Er gibt Momo zu essen. Und sie aß. Und es war der Hunger vieler Jahre, den sie stillen musste. Hier kann sie ruhen, jenseits der Zeit. Sind es nicht Augenblicke der Gnade? „Machst du die Zeit?“ fragt Momo den weisen Meister Hora. „Nein“, sagt er, “was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen und sie verteidigen.“ Und weiter: „Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, hätten sie keine Angst vor dem Tod mehr, dann könnte ihnen niemand mehr ihre Lebenszeit stehlen.“ Und Momo sagt: „Ich habe keine Angst“. Deshalb darf sie sehen, woher die Zeit kommt…wie im Märchen.

 

Und sie taucht ein in das Kreisen der Planeten, hört Stimmen, blickt in ein großes Gesicht, das sie anschaut und liebt, sie wird von etwas erfüllt, was größer ist, als es Angst je sein kann. „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in unser Herz gelegt.“ Prediger 3,11.

 

Momo denkt, was sie gesehen hat, sei die Zeit aller Menschen, aber es ist nur ihre. Unsere Zeit ist für jeden von uns unfassbar groß, unbegreiflich. Und es ist Gnade spüren zu können, dass dieses Geheimnis in Gottes Händen steht. Wir sind geborgen.  Bleib doch bei Gott.

 

 Michael Ende verwendet für die Zeit, die Lebenszeit das Symbol der Stundenblume. Eine kostbare Blüte, die in den Herzen der Menschen blüht, bis sie verwelkt. Zeit ist Leben und das Leben wohnt im Herzen.

 

Ist es nicht berührend an eine Blüte zu denken, die in uns blüht, von Gott geschenkt? Ist es nicht unglaublich schlimm zu spüren, dass diese kostbare Blütenzeit bedroht ist, ständig bedroht ist von einem Haschen nach Wind, einem Schätze- sammeln auf Erden?

 

Was zählt? Womit möchten wir unsere Zeit füllen?

 

Momo will ihren Freunden von all dem erzählen, aber Meister Hora sagt: „Warten mein Kind, wie ein Samenkorn, das in der Erde schläft, einen ganzen Sonnenkreis lang, ehe es aufgehen kann. So lange dauert es, bis die Worte in dir gewachsen sein werden.“  Alles hat seine Zeit.

 

Dann wird die Zeit erfüllt sein. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“. Galater 4, 4. Erfüllte Zeit.

 

Zeit, in der ein Ereignis, ein Handeln seiner Fülle und Reife entgegenwachsen darf. Zeit der Gnade. Zeit des Heils. Zeit der Gerechtigkeit. Eine Schale, die sich füllt und zu der Zeit, die Gott, der die Allmacht, den Überblick hat, für uns sieht, vollendet wird.

 

Als die Zeit erfüllt ist, kehrt Momo zurück und nimmt den Kampf gegen die grauen Herren, den Zeitraub auf.

 

Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich vor der Hand meiner Feinde, und vor denen, die mich verfolgen.

 

Momo, das Kind, das in den Himmel gesehen hat, wird vor den Zeiträubern gerettet. Sie kann den Menschen, ihre gestohlene Zeit zurückgeben. Die grauen Herren werden zu Asche und Rauch. Alle atmen auf.

 

Das lebendige Leben, diese Fülle aus Kraft und Licht, Gnade und Hoffnung haben gesiegt.

 

Zeit ist nicht Geld. Zeit füreinander ist niemals verlorene Zeit.

 

Zeit miteinander ist Heil und Leben.

 

Zeit ist Leben und das Leben ist wie eine kostbare Blume in unseren Herzen, mit jedem Herzschlag. Von Gott gepflanzt.

 

Halt an, wo läufst du hin?

 

Der Himmel ist in dir.

 

Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

 

                                                                                    Angelus Silesius

 

Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt.

 

Unsere Zeit steht in seinen Händen.  Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigt, Sonntag Exaudi, 2. Juni 2019, 10.30 Uhr in Nattheim

 

Cornelia Elke Schray

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

vielleicht kennen Sie die Klagemauer von Jerusalem. Wer vor den mächtigen Steinquadern des alten Tempels steht, den überkommt ein ehrfürchtiges, sprachloses Staunen. Die Ritzen sind vollgestopft mit unzähligen kleinen Zettelchen und in jedem steckt ein verborgenes Anliegen, ein Gebetsanliegen. Generationen von Menschen haben hier gebetet, bis heute, voll Sehnsucht nach Gott.

 

Die jüdische Dichterin Nelly Sachs hat das in ein Gedicht, das in unserem Gesangbuch abgedruckt wurde, gefasst.

 

Die Klagemauer-

 

Im Blitz eines Gebetes

 

Stürzt sie zusammen

 

 

 

Gott ist ein

 

Gebet weit

 

Von uns entfernt.

 

 

 

Dieses Verlangen, ja Sehnen nach Gott hat dem heutigen Sonntag seinen Namen gegeben. Exaudi, Ex-audi, nach dem Vers aus Psalm 27. Herr höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!

 

Sehnsüchtig wartet der Psalmbeter auf Gottes Gegenwart, auf sein Eingreifen und Helfen. Etwas von dieser Sehnsucht, lässt auch der Predigttext erkennen. Im Epheserbrief,

 

Kapitel 3, wird uns von einem Gebet des Paulus berichtet. Und das in ergreifenden Worten.

 

Ich lese Ihnen aus Epheser 3, die Verse 14-21

 

 

 

Lesen

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

nach einem langen Leben schaute sie sich noch einmal ihren Garten an. Sah den Flieder und die wilden Rosen. Redete am Zaun mit ihren Nachbarn. Konnte man mit 89 Jahren noch plötzlich und unerwartet sterben? Sie nicht.  Am Tag nach ihrem Spaziergang wurde sie schwächer und musste sich ins Bett legen. Von Stunde zu Stunde nahmen ihre Kräfte ab. So viel Arbeit hatte sie auf den steinigen Böden des Härtsfelds gehabt, als Bäuerin. Ihre Augen wurden hell, ihr Atem ruhig, als sie flüsterte: Gott ist da. Hier. Sie betete, ihr Gebet war ein Murmeln dessen, was sie schon in der Vorbereitung zu ihrer Erstkommunion, in den Jahrzehnten ihrer Gottesdienstbesuche, auswendig, mit dem Herzen buchstabiert und verinnerlicht hatte. Schätze, die sie nun trugen. Worte, die sie begleiteten, Kraft gaben für den Abschied aus dieser Welt. Ihr, aber auch ihren Kindern, die sie nicht mehr allein ließen und Hände sich hielten, wo Worte fehlten.

 

Gott war in jedem Augenblick nur ein Gebet weit von ihr entfernt. Sie starb nach fünf Tagen, früh am Morgen, umgeben von ihren Lieben und den Frühsommerblumen aus ihrem Garten.

 

 

 

„Wir müssen anhalten.“ Sagt mir meine Tante am Telefon. Kurz muss ich nachdenken. Sie ist mit Leib und Seele der Frömmigkeit des Pietismus, den Gebeten der Väter und Mütter verbunden. Nicht engstirnig, sondern fröhlich. Vertrauend, lebensbejahend. Mir wird klar, was sie meint. Mehrere tragische Todesfälle säumen den Weg ihres Lebens und haben sie beten, aber auch voll Vertrauen leben gelehrt.

 

„Wir müssen anhalten- wir müssen anhalten im Gebet.“

 

Welch tiefe Wahrheit steckt in diesem so schlichten, etwas altertümlichen Satz. Beten kann man immer und überall, in der Küche, an der Werkbank, ganz oft im Auto, es gibt Stoßgebete, Hilferufe, das gemeinsame Gebet der Gemeinde in der Kirche.

 

Und es gibt dieses Anhalten im Gebet. Ich stelle mir da ein ganz bewusstes Stillstehen vor. Alles andere muss warten, bis ich mit Beten fertig bin. Ich halte an, ich renne nicht mehr weiter von einer Aufgabe zur nächsten, ich halte an und konzentriere mich mit jeder Zelle, jeder Faser meines Seins auf das Gebet zu Gott. Damit er bei mir ist.

 

Wir müssen anhalten im Gebet. Das ist unfassbar, unglaublich viel. Dass ist das Niederknien, mein Knie beugen, von dem Paulus spricht, vor dem Allmächtigen, dem Schöpfer von Himmel und Erde. Anhalten im Gebet, ist die bewusste Entscheidung, das Gebet in meinem Alltag an die oberste Stelle meiner Erledigungsliste zu setzen.

 

Gott ist nur ein Gebet weit von uns entfernt. Das ist doch eine Entfernungsangabe, bei der man sich gerührt, berührt ans Herz fasst.  Gott ist da. Und da ist dieses, mal zärtliche, mal donnernde Gespräch zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch, das Gebet.  Gesprochen, gemurmelt, geflüstert, auf Zetteln oder einfach im Herzen. Worte, die die jenseitige Welt öffnen, deutlich machen, dass wir mit allem, was wir sind, bereits mitten in Gott sind, von ihm umgeben, umhüllt, von seiner Kraft erfüllt.

 

Gerade da, wo wir an unsere Grenzen kommen, uns die Worte fehlen, das Anhalten im Gebet ein stummes Flehen ist, kommt uns die Güte und Liebe Gottes mit Freuden, so viele Schritte entgegen, wie es notwendig ist, damit es uns leichter ums Herz wird.

 

Knie beugen vor dem Vater, der rechte Vater über alles, was da Kinder heißt, im Himmel und auf Erden.

 

So die Worte an die Gemeinde in Ephesus.

 

 

 

Es mag sein, dass wir uns im Leid gefangen fühlen, das Leben uns überfordert und bitter macht. Das man den Eindruck hat, Gebete würden an den Wänden und Kerkern der Dunkelheit abprallen, als Echo zurückgeworfen.

 

Aber das Gebet übersteigt Mauern, überwindet Schloss und Riegel, Ängste, Todeswünsche, Verzweiflung und atmet am Ende, Freiheit, Licht, unerschöpfliche Fülle.

 

 

 

Paulus betet zum Vater, zum Vater Jesu Christi. Der deshalb auch sein Vater und unser aller Vater ist.

 

Vom Sterbebett bis zum Vater im Himmel ist es nur ein Gebet. Die Entfernungsangabe stimmt.

 

 

 

Paulus betet für seine Gemeinden. In der Fürbitte kann er seinen Gemeinden ganz nah sein. Das Gebet überwindet Raum und Zeit.

 

Mit seinen Worten betet er für uns heute.

 

„Dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist am inwendigen Menschen, das Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, und ihr in der Liebe eingewurzelt seid.

 

 

 

„Stark werden am inwendigen Menschen.“ Stellt es sich nicht gerade da ein, wo wir schwach sind? Wo wir nicht weiterwissen und uns, öffnen, auf Jesus bauen und

 

ein Gebet sprechen, das unser Herz weit macht, so weit, dass der Himmel darin Platz hat. Gott einziehen kann. Jesus uns ganz nah ist.

 

Ein Gebet, das uns die Weite Gottes atmen lässt, die ein Herz hüpfen lässt, sich anfühlt wie Glück. Obwohl die Antwort zuerst noch Tod hieß.

 

Wir Menschen haben Angst, wir könnten was verpassen, wenn wir anhalten. Wie sagen manche in einer Mischung zwischen Witz und Ernst: Wer bremst, verliert.

 

Immer mehr, immer schneller.

 

Wer bremst, um zu beten, verpasst sicher nichts.

 

Wo Gott in den Herzen eines Menschen wohnt, ist das mit dem Verpassen von Chancen, Gelegenheiten und keine Zeit haben, anders.

 

Wir können frei werden und anhalten im Gebet. Befreit werden davon, dem Leben hinterher zu jagen. Das Leben ist schon da. In den Augen des Menschen, der neben Ihnen sitzt, in der Apfelblüte, im Licht der Sonne. Das wirklich Wertvolle, gibt es nämlich umsonst, da müssen wir keine Überweisung von Geld tätigen.

 

Gott, ein Gebet weit entfernt, folgt nicht den menschengemachten Gesetzen unserer Welt, nur denen, die er erdacht hat.

 

 

 

Und wie wohl tut dieses Gefühl der Nähe und Weite Gottes, die Stille des Anhaltens im Gebet.

 

Viele von uns, sind von Ängsten und Depressionen niedergedrückt, ihr Mut ist Schwermut und gefangen.

 

Wie sehr brauchen wir da eine Hand, die unsere Seele, wenn wir mal im freien Fall sind auffängt.

 

Nein, das Loch ist nicht bodenlos und die größte Klagemauer vor uns, stürzt im Blitz eines Gebetes zusammen, schreibt Nelly Sachs.

 

Das gilt selbst am Sterbebett. Der Mensch fällt in die weit ausgebreiteten Arme Gottes.

 

 

 

Im Gebet ist Gott zu erleben. Oder wie Paulus beschreibt:

 

„So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,  welches die Breite und Länge und die Höhe und Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, mit der ganzen Gottesfülle.“

 

 

 

Erfüllt mit der Fülle Gottes. Das ist das Ziel, das letzte und größtes Ziel des Gebetes. Erfüllt sein mit der Kraft des lebendigen Gottes, getragen von seiner Güte, durchdrungen von seiner Liebe.

 

 

 

Am Sonntag Exaudi- „Herr höre meine Stimme, wenn ich rufe“, warten wir auf die Fülle Gottes, dass sie uns überfällt und umgibt, dass wir von ihr gehalten und gesegnet sind. Dass sie sich über uns ergießt im Wunder von Pfingsten.

 

 

 

Davon schreibt Alfred Delp, Widerstandskämpfer im Dritten Reich, kurz vor seiner Hinrichtung in sein Tagebuch.

 

 

 

„Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen, dran zu geben. Das eine ist mir so klar und spürbar, wie selten:

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt Gottes ist so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.

 

Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und schweren Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend.

 

 

 

In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingegebene Antwort.“

 

 

 

Beeindruckende Worte, ohne Hass. Mit Liebe und Hingabe,

 

Gott ist große Liebe. Eine Liebe, die alles trägt und hält und von innen her erfüllt. Nichts ist wirklicher, wahrhaftiger als sie. Und Beten heißt: In diese Liebe Gottes eintauchen. Erfüllt und geformt werden von ihr. Darin aufgehen. Sich darin zu verlieren und gefunden werden.

 

Das werden, was wir vor Gottes Angesicht schon sind:

 

Sein geliebtes Kind und Ebenbild.

 

Täglich eingetaucht in seine Nähe.

 

 

 

Gott ist ein Gebet weit entfernt. Halten wir doch inne, halten wir an im Gebet.

 

Amen.

 

 

 

 

 

Stille 

 

 

 

 

 

 

Predigt Sonntag Okuli 24.03.2019

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

es war gestern vor einer Woche. Stuttgart, Königstraße, 13.30 Uhr. Die Sonne bricht durch die Wolken, es sind viele Menschen unterwegs. Wir haben gerade Pizza gegessen. Frühling liegt in der Luft.  Wir lachen und das Leben ist gut. Plötzlich sehen wir uns einem Straßenprediger gegenüber, der uns ein großes Plakat vor die Nasen hält. „Das Gericht ist nah. Kehrt um zu Gott.“ Mein Mann runzelt die Stirn, unsere Tochter guckt mich an. Das Gericht ist nah. Okay. Als angehende Archäologin weiß sie, dass kein Reich dieser Welt bisher Bestand hatte, was sie ausgräbt im Burgund oder im nahen Lonetal, sind stumme, aber wertvolle Zeugen der Geschichte. Und Geschichte ist immer Bewegung. Ein Auf und Ab, ein Kommen und Gehen.

 

Wir gehen weiter. Der junge Mann tut mir leid. Ich würde ihn gerne zu einem Stück Kuchen einladen, mit ihm die ersten Blumen am Schlossplatz ansehen, aber er ist überzeugt, dass er möglichst viele Seelen mit seiner Methode retten muss. Und nein, er wirkt nicht erlöst, sondern unglücklich. Wie traurig.

 

In unserem heutigen Predigttext hält Jeremia, auch einst angetreten, die Welt zu verändern, Gott ziemlich heftig vor, was aus ihm, dem Propheten und Straßenprediger geworden ist.  Seine Worte sind schwer zu ertragen.

 

 

 

 

 

Ich lese aus Jeremia 20, 7-13

 

Liebe Gemeinde, ist das nicht irgendwie vertraut? So kann es gehen, das Leben.  Es ist zu viel. Einfach zu viel. Immer wieder. Es wird mehr verlangt, als wir leisten können.

 

Mit Begeisterung ging es los nach der Schule. Neue Wege, neue Aufgaben. Ein Kind, zwei, vielleicht ein drittes. Das Haus, das gebaut wird. Ideen und Ziele, Pläne und Visionen.

 

Zwanzig Jahre später. Müdigkeit, Frust. Krankheit. Jeden Morgen der Kampf gegen die Windmühlen des Alltags. Was haben wir uns dabei nur gedacht? Das hört ja nie auf. Dieses Theater mit dem Leben. Oder: War das alles? Kommt da noch was Besseres?  Wie soll ich den Druck aushalten? Welche Katastrophe wartet heute auf mich heute?

 

Jeremia klagt auch. Schon damals, als Gott ihn zum Propheten berufen hat, wollte er die Aufgabe nicht haben. Er handelt mit Gott. „Ach nein, Herr, ich bin zu jung. Ich kann nicht reden.“ Doch Gott wischt seine Einwände vom Tisch des Lebens. Nach Jahren als Prophet hat er nun genug. Es hagelt Vorwürfe. Man unterstellt ihm zu lügen und die Menschen zu verführen. Jeremia leidet. Die Anfeindungen zermürben ihn. Jeder, der an der Front, in der Öffentlichkeit steht, kennt das. Man kann es beileibe nicht allen recht machen und es gibt Tage, da wächst weder Gras über die Sache noch das berühmte dicke Fell für die Seele.

 

Jeremia steckt in einem Dilemma.

 

Er fühlte sich jahrelang von Gott ermutigt. Er wusste sich getragen und unterstützt.  Er erlebte Gott an und auf seiner Seite und hatte deshalb die Kraft, dem Gerede zu widerstehen.  Gott war da. Und Jeremia hat sich daran festgehalten.

 

Nun passiert ihm etwas menschlich-allzumenschliches. Er hat einfach genug. Ein Tropfen und das Fass läuft über. Er vertraut Gott nicht mehr. Er tut sich mit Glauben schwer.  Er fühlt keinen sicheren Boden mehr unter seinen Füßen. Das Wort Gottes, das seine Speise war, so oft er es hörte und zugesprochen bekam, was ihm Freude und Trost war, beschreibt er nun als Hohn und Spott.

 

Das ist eine seelische Naturkatastrophe, ein Erdbeben.  Jeremia leidet an Gott. Und an sich selbst. Denn, irgendwie fühlt er sich ja auch schuldig. Er der Prophet, der Straßenprediger, soll, muss doch glauben, vertrauen, Gott verkündigen. Erlöst aussehen, damit die Menschen an seinen, an ihren Erlöser glauben können.

 

„Du hast mich überredet“. Sagt er. War der Dienst nicht seine Idee? War die Berufsausbildung eigentlich der Wunsch der Eltern? Wer bin ich? Was will ich? Was wird geschehen?

 

„Ich habe mich überreden lassen“. Da hat jemand solange über meine Berufung geredet, bis ich überredet war. Was sagt mein Herz?

 

Jeremia klagt. Und ja.  Lieber ehrlich klagen, als erzwungen dankbarsein müssen. Sie wissen ja. Gott macht keine Fehler. Gottes Wege sind immer gut. Gott wird schon wissen, warum du so leiden musst. Wer das in der Not um die Ohren gehauen bekommt, ist bedient.

 

Ihm ist nicht geholfen, es geht ihm damit nicht besser. Er wird noch weiter hinab in den Abgrund gestoßen, weil Menschen unbeantwortbare Fragen unbedingt beantworten wollten.

 

Jeremia klagt und lässt dabei nichts aus. Schonungslos.

 

„Ich will nicht mehr in deinem Namen predigen.“ So fühlt er sich. Unverstanden, wie in einem dunklen Raum, eingezwängt in das Korsett seiner Tränen. Unfähig sich zu wehren. Was soll er auch noch sagen? Die Welt geht doch nicht unter, ich habe mich geirrt, lass uns Kuchen essen gehen… So einfach nicht.

 

Für Jeremia scheint jedes Gespräch mit anderen unmöglich. Angst beschleicht ihn, noch mehr gedemütigt und angefeindet zu werden. Überall, alle gegen ihn. Heutzutage nennt man das im Internet recht deutlich Shitstorm. Da wird, soviel Übles, Unrat, Abfall, Unwahres in einer ungeahnten Fülle über jemanden ausgekippt, dass der sich im schlimmsten Fall das Leben nimmt. Wohin mit all der Not?

 

„Verklagt ihn“ so in Vers 10, „Schrecken um und um.“ All seine Freunde lauern, ob er nicht endlich zu Fall kommt.

 

Seine Freunde. Das ist ja noch schlimmer, selbst die lästern und sind am Gehen.

 

„Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen“.

 

Alles also keine Erfindung der Neuzeit. Mobbing. Alle gegen einen. Unfair. Radikal. Unmenschlich. Das gibt es sogar innerhalb von Verwandtschaften. Einer wird abgeschossen, rausgeworfen, Kontaktabbruch, üble Nachrede. Schluss. Aus.

 

Das kann nicht das Ende sein. Gott ist immer noch größer.

 

In Vers 11 dämmert dem todmüden Propheten Jeremia die Lösung, die Erlösung.

 

„Aber der Herr ist mir ein starker Held.“

 

Diese Erkenntnis kann eine Not zum Guten wenden. Jeremia hat sich in die Abgründe seiner Not begeben. Er war so offen, wie wir doch nur in ganz seltenen Augenblicken sind. Um so offen zu sein, wie Jeremia, muss man vertrauen, sich sicher sein, dass diese Worte nicht geben einen verwendet werden. Am Tiefpunkt des Lebens, erzählen wir, was uns wirklich bewegt und belastet, oder wir verstummen ganz. Über das Wetter reden wir da nicht.

 

Wenn es gut geht, sind wir noch nahe genug am Ursprung, beim Schöpfer und können Gott erzählen, was bei Gott auch sonst keinen anderen etwas angeht.

 

Der Herr, ist mir ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Das verändert die Blickrichtung. Hier bin ich. So wie ich bin. Auf dieser zerbrochenen Welt. Im Angesicht Gottes.

 

Albert Frey hat diese Situation in einem Lied in Worte gefasst.

 

„Herr ich komme zu dir, und ich steh vor dir so, wie ich bin.

 

Alles was mich bewegt, lege ich vor dich hin.

 

Herr ich komme zu dir, und ich schütte mein Herz

 

bei dir aus.

 

Was mich hindert, ganz bei dir zu sein, räume aus.

 

Meine Sorgen sind dir nicht verborgen,

 

du wirst sorgen für mich.

 

Voll Vertrauen will ich auf dich schauen. Herr ich baue auf dich.“

 

 

 

Jeremia kann Gott nicht aufgeben. Trotz aller Zweifel. Heutzutage sollen wir allem in unserem Leben einen Sinn geben, sollen für unser Glück und Unglück selbst verantwortlich sein. Müssen angeblich mit allem klarkommen, selbst die angemessene Zeit des Trauerns ist ärztlich definiert. So ist es nicht. So geht es nicht.

 

 

 

Aber es kann etwas Neues beginnen. Oft ganz unmerklich über Nacht, wächst neue Hoffnung und das Dunkle hat doch nicht gesiegt. Am Ende der Nacht wartet ein neuer Tag. Unglaublich. Unbegreiflich.

 

Wie das geschieht, dass wir in einer verzweifelten Situation wieder neue Hoffnung schöpfen, lässt sich nicht genau sagen. Wichtig ist ein Gegenüber, vor dem wir unsere Zweifel, unsere Verzweiflung aus uns heraus entlassen können.

 

Dann können wir zugeben, dass wir Hilfe brauchen und diese Hilfe auch annehmen.

 

 

 

Dabei kommt eine neue Leichtigkeit in unser Leben zurück. Ideen, Kraft, neue Interessen kommen zu uns. Wir spüren wieder früher gekannte, längst vergessene Gefühle, die im Nebel des Leides und der Niedergeschlagenheit auf der Strecke geblieben waren.

 

 

 

Wir können aufatmen, Gott ganz nahe sein. Es wird wieder heller in uns. Wir können lachen. Die alte Not winkt uns ab und zu, noch zu. Okay. Aber sie kann uns nicht mehr gefangen nehmen, uns ganz und gar besitzen.

 

Die Probleme sind nie alle gelöst. Es können neue auftauchen.

 

Aber wir stehen auf weitem Raum und haben wieder eine Zukunft. Was Besseres als keinen Ausweg-finden wir doch allemal und überall.

 

 

 

Genau das erlebt Jeremia. Er ist ehrlich vor Gott. Er lässt sich in diesen Urgrund fallen, weil ihn der Abgrund bedroht. Das ist so leicht und so schwer.

 

 

 

In den letzten Versen des Predigttextes bittet er schließlich noch um Gottes Rache. „Ewig wird ihre Schande sein“. „Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen.“

 

 

 

Wir wissen um die Worte Jesu. Um das Neue Testament. Um diese schweren Sätze „Liebe deine Feinde, tut wohl, denen die euch hassen.“

 

Wir wissen um das große Wort: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ Aus 2. Mose.

 

 

 

Das kann uns entlasten, befreien. Wir müssen nicht Rache üben und können unseren Feinden, Widersachern, Gegnern, all den Lästermäulern in die Augen sehen. Frei, offen, liebevoll.

 

 

 

Wir können uns um das Gute kümmern. Leben, lachen und lieben. 

 

 

 

Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet.

 

 

 

Ein Satz, der so unglaublich aktuell ist. Der Armen Leben befreien, retten.

 

 

 

Wir sind alle immer mal wieder wie Jeremia. Mit dem Recht zu klagen. Ehrlich und ungeschönt. Aber auch mit dem Mut anzuvertrauen, zu vertrauen.

 

Wir wissen, es wird wieder geschehen, hier auf dieser Erde. Wir werden wieder in Not geraten, wieder Angst haben, leiden, verzweifeln. All das aber ist auch vergänglich. Man glaubt es kaum. Die längste Nacht endet und wir können in ein Loblied einstimmen.

 

 

 

„Herr ich komme zu dir und ich steh vor dir, so wie ich bin.

 

Meine Sorgen, sind dir nicht verborgen,

 

du wirst sorgen für mich.

 

Voll Vertrauen will ich auf dich schauen, Herr ich baue auf dich.

 

 

 

Gib mir ein neues ungeteiltes Herz.

 

Lege ein neues Lied in meinen Mund.

 

Fülle mich neu mit deinem Geist.“ 

 

 

 

Amen.

 

 

 

 

 

Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht, 618, 1-3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Predigt vom 27.01.19 über 2. Mose 3, 1-14 in   Hermaringen

 

Liebe Gemeinde,

Ein Tag wie jeder andere. Er hatte sich eingerichtet in seinem neuen, anderen Leben. Was blieb ihm auch anderes übrig?  Ein Mensch war von seiner Hand gestorben. Das ließ sich nicht rückgängig machen und veränderte alles.

Als Totschläger konnte er nur fliehen. Er musste alle Brücken abbrechen, fernab der Heimat eine neue Existenz aufbauen. Seine herausgehobene Stellung, seine gute Erziehung, ja das Wunder seiner Errettung, als er noch ein Säugling war, in einem Korb, ausgesetzt auf dem Wasser, alles, seine große Geschichte, die so wunderbar begann, musste er zurücklassen. Unter neuen Vorzeichen, als einfacher Hirte fristete er sein Dasein. Nur so konnte er sich vor dem Zugriff der Verfolger schützen und davor, dass ihn seine Vergangenheit einholte. Er erwartete nichts mehr für sein Leben. Das war’s- für Mose.

 

Ein Tag wie jeder andere wird für ihn, zu einem außergewöhnlichen, unvergesslichen Tag. Hören Sie selbst:

 

 

Lesen des Predigttextes: 2. Mose 3, 1–14

 

Nach vielen Jahren in der einsamen Wüste begegnet Gott Mose und zeigt ihm, was er von ihm will. Gott wird für Mose zum jetzt und hier Gegenwärtigen, und zwar so, dass es keine Zweifel mehr gibt.

Mose soll vom flüchtigen Mörder zum Befreier und Gesetzgeber des Volkes Israel werden. Gott offenbart ihm, wer er ist und was seine Lebensaufgabe ist. Gott zieht unter das bisherige Leben von Mose einen Strich, und beginnt neu.

Das gefällt mir. Das mache ich mir zum Beispiel. Gott komm und kratze die Krummen meines bisherigen Lebens zusammen und lass uns mal gucken, was noch werden kann.

Was für eine Einladung Gottes an Mose. An uns alle. Gott möchte mit Menschen unterwegs sein und eine kraftvolle, lebendige Beziehung mit uns. Wenn diese Einladung beherzigt wird, verändert sie das Leben eines Menschen. Das wird an Moses Geschick sichtbar.

Mose bricht ins Ungewisse auf und lässt sich rufen. Er wendet sich dem Leben zu. Sein Leben bekommt einen Sinn, ein Ziel. Kapitulation vor dem scheinbaren Schicksal? Nein danke! Selbst für einen Totschläger geht es weiter.

Lassen sie uns genau hinschauen, was solche verwandelnde Begegnungen mit Gott ausmacht. So bekommen wir ein besseres Gespür dafür, wie umwälzend die Gegenwart Gottes auch in unserem Alltag sein kann.

 

Da ist zunächst ein brennender Dornbusch.

Dornbüsche sind typische, alltägliche Gewächse in der Wüste. Sie sind das, was dort wachsen kann. Mose sieht sie alle Tage, doch dieser jetzt ist ganz anders. Er brennt lichterloh, verbrennt aber nicht. Kann das sein? Das kann nicht sein. Wenn der Baum, der Busch brennen, ist hinterher Asche übrig, nicht der Baum…

Unerklärlich, geheimnisvoll. Im Banalen tut sich für Mose etwas Unerwartetes auf.

Das bringt seine Vorstellungskraft an die Grenzen. Er kann es sich nicht erklären. Seine Neugier ist geweckt.

Und wer neugierig ist, will mehr sehen.

In dieser Neugier ist mir Mose ganz nah. Es ist, als ob er mich an die Hand nehmen würde und sagen: Komm, du willst es doch auch wissen. Du willst doch auch sehen, was Sache ist.

Du willst doch auch um die Ecke sehen, ob sich da ein Wunder, ein Schatz, ja Neuland verbirgt.
Die Sehnsucht nach Mehr kommt zum Klingen. Es ist eine Sehnsucht nach einer tieferen Wirklichkeit, nach dem Geheimnis der Welt, nach Gott.

Findet er das, was zählt und die Welt im Innersten zusammenhält? Wohin mit uns Gott, möchte ich gerade manchmal fragen. Zeig mir bitte auch einen brennenden Dornbusch. Ich will verstehen, nicht nur ahnen. Und ja, ich möchte dich doch sehen. Ich könnte wohl leichter glauben…Aber ich weiß, erst wenn ich tot bin, ein neues Leben haben werde bei Gott, kann ich Ihm in die Augen sehen. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. So in 1. Korinther 13.

Da ist Mose. Erst spürt er nur ein zwiespältiges Gefühl. Er fühlt sich angezogen und zugleich bekommt er es mit der Angst zu tun. Dieses irritierende Gefühl erfasst Menschen, wenn sie der unbegreiflichen Heiligkeit Gottes begegnen.

Es ist Gott, der ihm im brennenden Dornbusch erscheint. Er erscheint ihm, mitten in seinem Alltag. Das zeigt: Es gibt keinen Platz, keine Situation, in der Gott nicht erfahren werden kann. Und sei die Situation noch so alltäglich.

Mit einem Mal kann sich der Himmel auftun, unerwartet, überraschend. Wie ein Riss in der Wirklichkeit, der tiefer blicken lässt. Da ist er: Der Moment des Erkennens. So war das also gemeint.

So wie Mose kann es jedem Menschen widerfahren:
In einer Begegnung, in einem alltäglichen Gegenstand, bei einem Ausblick, in einer Krise. Gott sei Dank, ist vor Gott nichts sicher.

Und dann sind da die Sandalen.

 Auf Gottes Geheiß zieht Mose sie aus. Die Begegnung mit Gott fordert Ehrfurcht.

Sie lädt ein zum bewussten Innehalten. Und dies beginnt damit, dass man heraustritt aus dem Alltäglichen.

 

Damit, dass man Abstand nimmt von den gewohnten Lebens- und Sichtweisen. Hier die alten Wege, da der Impuls, etwas neu zu denken. Leben ist lebendig.

 In vielen Ländern der Erde ist es üblich, dass man beim Betreten eines Hauses seine Schuhe auszieht, den Staub der Straße draußen lässt.

Eine Geste der Achtung vor den Bewohnern.

Und: In Finnland z.B. sagt man, dass wer seine Schuhe nicht trägt, friedlicher gestimmt ist.

Weil man eine gewisse Sicherheit aufgibt, einen Teil der Rüstung, der Kleidung.  Man kann nicht mehr so schnell fliehen.

Mose lässt also los, was ihm Sicherheit gib, er zieht seine Schuhe aus. Ohne diese sind seine Füße verwundbar. In der Wüste noch mehr als in einem Haus.

Er ist unsicher und voller Angst. Aber zugleich auch offen und bereit, sich Gott auszusetzen, dem Ruf ins Unbekannte zu folgen, dem Ruf zu einer geheimnisvollen und auch furchteinflößenden Begegnung mit Gott.

 Mose gibt Sicherheiten, seine Schuhe auf.

 Er verzichtet auf alles Bescheid- und Besserwissen und lässt sich auf die Wirklichkeit Gottes ein.

Und mit einem Mal nimmt er anders wahr. Er hört. Seine inneren, seine geistlichen Sinne sind erwacht und er nimmt die Stimme Gottes wahr. Sie trägt ihm auf: Geh zum Pharao und führe mein Volk aus Ägypten.

Gesehen hat er Gott nicht. Kein lebender Mensch kann das wirklich. Darum der Dornbusch? Wie eine leuchtende Fackel in der Dürre. Ein Naturwunder. Gott, der uns Unsichtbare, findet Mittel und Wege, um bemerkt zu werden, wenn es im Leben, ja auf dieser Erde brennt…

 

 

Fragen drängen sich auf. Existentielle Fragen:

 Wer bin ich eigentlich? Und vor allem:  Wer bist du, Gott?

Mose ist verstört. Seiner gewohnten Sicherheit entkleidet sieht er, wie begrenzt er ist.

Alles wird fraglich. Sein Bild von Gott und von sich selbst bekommt Risse.

Wer bin ich? Bin ich gut genug? Wer bin ich abgesehen von dem, was andere von mir denken?

Ich kenne dich nicht, sagten mir Menschen vor Jahrzehnten, wenn ich nicht mehr ihrem Bild entsprechen wollte. Das tat weh. Ich bin doch mehr als das, was andere von mir wollen und denken. Ich bin ein Kind Gottes. Seht ihr das nicht? Und wenn ich mir meiner selbst bewusst bin, frage ich weiter. Wer bist Du, Gott? Was willst Du gerade von mir? Gott hat die Welt erschaffen, er weiß wie sie tickt. Deshalb verschwindet Moses bisheriges Leben nicht. Er bleibt Mose. Doch er hat ein neues Ziel, einen Auftrag. Er wird vom geflohenen Straftäter zum Mittelsmann für Gott.

Er soll den geschundenen Israeliten zeigen: Gott ist mit euch. Er soll ihnen sagen: Gott sieht eure Not.

 Voller Erbarmen richtet er seine Augen auf euch.

Das ist die zentrale Botschaft aus der Mitte allen Lebens. Hier ist der wichtigste Vers des heutigen Textes:

 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! Und sie zu mir sagen: Wie ist sein Name? Was soll ich zu ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: Ich werde sein, der hat mich zu euch gesandt.

Ich werde sein, der ich sein werde. Der ewig Neue, Kraft von unermesslicher Kraft, Licht von unerschaffenem Licht.  Macht euch kein Bild, es wäre nie vollständig….

Gottes Name ist »Ich bin. Ich bin mit Dir«. Schon dieser Name ist für uns, wie für Mose eine Einladung.

Dieser Name lädt uns ein, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was in uns werden will.

Wer Gottes Name hört, kann seine Hoffnung auf ein Leben in Freiheit ausrichten. Und auf den weiten Raum, in den Gott unsere Füße stellt. Wer Gottes Namen hört, der hat den menschenliebenden Gott vor Augen, der Beziehung zu uns sucht.

Und er sieht ihn zugewandt, mitleidend, helfend, herabsteigend. Gnädig. Mit erbarmendem Herzen.

 

Die Begegnung mit Gott verwandelt Mose.

Doch jetzt kommt für Mose der Abstieg in die Wirklichkeit der Welt. Er muss den Ruf Gottes in der gebrochenen, alltäglichen Welt umsetzen.

Wir nehmen Moses Widerstand wahr: »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?«

 Immer wieder begegnet uns in der Geschichte des Auszugs aus Ägypten dieses Ringen.

Wir sehen seine Schwierigkeit, die Herausforderung anzunehmen: Gottes Werkzeug bei der Befreiung seines Volkes soll er werden. Doch die Begegnung mit Gott gibt ihm den Mut, die Stärke und die Einsicht, die Herausforderung anzunehmen.

 Er kann seinen eigenen Ängsten ins Gesicht schauen. Er kann wahrnehmen, welche Widerstände und Begrenzungen in ihm sind, Gottes Auftrag zu erfüllen. Es ist seine Lebensaufgabe geworden. Er weiß sich eingebunden in die Geschichte Gottes.

 Denn es ist derselbe, der seinen Voreltern, Abraham, Isaak, Jakob nahe war.

 

 

 

Er wird auch in Zukunft gegenwärtig sein. Auch uns.

Mose ist in die Geschichte Gottes mit seinem Volk hineingezogen. Und er findet sich wieder in einem weiten Raum.

 

Darin ist seine Angst geborgen. Davon werden seine Hoffnung und Zuversicht genährt.

 

Es ist eine Sache, Gottes Gegenwart zu erleben. Es ist eine andere, aus dieser Begegnung mit Gott zu leben.

Mit offenen Augen und wachen Sinnen Ausschau zu halten nach Gottes Wirklichkeit, die uns umgibt. Zuweilen ist sie verstörend erfahrbar, zuweilen glaubend zu erahnen.

 

Liebe Gemeinde!

Tragen Sie auch die Sehnsucht in sich, dem lebendigen Gott zu begegnen?

Die Sehnsucht zu erfahren, wofür Sie geschaffen wurden und was Ihre Lebensaufgabe ist? Sie können dafür bei Mose lernen.

 

Gott, der Heilige, begegnet uns im Alltag, nicht nur an besonderen heiligen Orten. Er kommt uns in Momenten und Situationen nahe, in denen wir gar nicht mit ihm rechnen und die wir leicht übersehen können. In unseren Leben scheint Gottes Gegenwart durch. Aber er nötigt uns nichts auf. Es liegt an uns, unsere Schuhe auszuziehen, verwundbarer zu sein, innezuhalten, ins Hören zu kommen. Es liegt an uns, uns überraschen zu lassen und vorgefasste Bilder loszulassen.

 

 

 

 

Gott zu begegnen, lässt uns nicht unberührt, wenn wir uns darauf einlassen. Gott begegnet uns im Alltag aller Tage, und die sind in ein neues Licht getaucht. Es ist das Licht des Erbarmens.

 

Die Begegnung mit Gott ermutigt uns, aus und in und mit seiner Gegenwart zu leben. Jeden Tag. Gebe Er uns zum Wollen das Gelingen.

Amen.

 

 

 

Sonne der Gerechtigkeit, 262, 1-7

 

 

 

 

 

Predigt 14.10.2018

 

Söhnstetten,

 

1.   Korinther 7, 29-31

 

 

 

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

unser heutiger Predigttext aus 1. Korinter 7, ist mit den drei Versen 29- 31 so kurz, dass ich mich gut dafür entscheiden konnte, ihn in zwei Übersetzungen vorzulesen. Hören Sie zuerst die aus der Lutherübersetzung 2017:

 

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

 

Und aus der Übertragung „Hoffnung für alle“

 

Denn eines steht fest, Brüder: Wir haben nicht mehr viel Zeit, für den Herrn zu arbeiten. Deshalb sollen sich jetzt auch die Verheirateten so für den Herrn einsetzen, als wären sie nicht verheiratet. Weder Trauer noch Freude sollen uns daran hindern, Gott zu dienen. Was wir besitzen, sollte uns nicht davon abhalten, mit anderen zu teilen. Verliert euch nicht an diese Welt, auch wenn ihr in ihr lebt. Denn diese Welt mit allem, was wir haben, wird bald vergehen.

 

Liebe Gemeinde,

 

die Zeit ist kurz. So weit so schlecht. Die Zeit ist zu kurz, um miteinander in Ruhe zu reden. Deshalb schnell eine SMS, eine WhatsApp, eine winzigkleine E-Mail. Die Zeit ist zu kurz, deshalb kein Gericht mit Liebe gekocht, sondern das erst beste, aufgewärmt. Und das schmeckt man dann auch. Keine Zeit, um zu lesen? Dann eben schnell die Überschriften aus der Zeitung. Wird schon schiefgehen, das Wichtigste steht doch eh in dicksten Buchstaben. Und wenn nicht? Die Zeit ist kurz, deshalb eben überall, auf allen Kanälen, das Bild eines 28jährigen brennenden Demonstranten aus Venezuela, das 2018 einen der wichtigsten Preise für Fotografen gewonnen hat. Was aber, wenn sich bereits der erste Blick so tief in mich eingebrannt hat, dass ich es viele Wochen nicht mehr loswerde, es sich einreiht neben all den anderen Horrorbildern von verhungernden Kindern im Jemen und gequälten Tieren, die ständig aufschreien in mir. Die Zeit ist kurz und es war eben nicht möglich, zurückzutreten und frei zu entscheiden, was ich sehen und wovor ich mich schützen möchte. Was will ich wirklich? Was ertrage ich? Ich lebe ja nicht in einer einsamen Hütte in Lappland, sondern hier.

 

Die Zeit reicht nie. Immer gibt es noch mehr zu tun, noch mehr Aufgaben. Und die am besten perfekt. Dabei sind Qualität und Quantität eigentlich ein Widerspruch. So gut, so schnell, so viel wie möglich? Alles in einem Gehirn. Unmöglich.

 

Aber, die Zukunft steht vor der Tür. Das von dem immer mehr Menschen fürchten, dass sie es nicht haben werden. Weil sie nicht wissen, was kommt. Weil es furchtbare Angst macht, was wir täglich hören und sehen …. müssen.

 

Die Altersvorsorge, den Kindern und Enkeln tragfähige Werte vermitteln, was für das Weltklima tun. Menschen integrieren, gut mit den Nachbarn leben, Müll trennen, ethisch halbwegs korrekt leben. Mein Gott, sind wir nicht alle unfassbar überfordert und würden uns am liebsten als Dauerzustand an einem lauen Sommerabend auf eine schattige Bank im Wald setzen oder Winterschlaf am Ofen halten,  und all das einfach vergessen und nur atmen?

 

Angst umgibt uns. Deshalb legen wir Vorräte an. Wir müssen etwas „haben“, nur dann fühlen wir uns berechtigt zu „sein“. Das ist ein Irrtum. Wir waren nämlich zuerst, lange bevor wir etwas hatten. Da die Zukunft Angst macht, treffen wir Vorsorge, wir versuchen sogar, Zeit zu horten, denn Zeit ist kostbar. Die Zeit ist kurz. Schreibt Paulus. Und unsere Sprache verrät uns. Dinge kosten Zeit. Menschen kosten Zeit. Zeit ist Geld. Ich habe Zeit. Dazu reicht die Zeit nicht.

 

Dabei wollen wir doch im Grund „nur“ sein. Anders sein. Das aber verschieben wir ständig auf später. Nicht mehr hetzen, nicht mehr funktionieren, dafür lachen, leben, lieben, spielen, tanzen, feiern. Menschsein ohne Ballast.

 

Die Zeit ist kurz, aber sie begegnet uns. Jetzt in diesem Moment. Hier und jetzt.

 

„Guten Tag. Ich will mein Leben zurück“. Singt Judith von der Band „Wir sind Helden“.

 

Meine Stimme gegen dein Mobiltelefon. Meine Zähne gegen die von Dr. Best und Sohn.  Tausche blödes altes Leben gegen neue Version? Ich will mein Leben zurück.

 

Nicht mehr tauschen, nicht mehr betrogen werden, von all den Betrügereien, die uns Glück versprechen und leiden lassen. Echt sein. Echt leben. Lebendige Worte, keine Sprachnachrichten, handfeste Arbeit, die Schwielen bringt. Haare, die zu lassen wehtut. Echtes Leben leben, das schmerzt, aber gleichzeitig kraftvoll ist, weil es wagt, falsche Sicherheiten loszulassen und der Sehnsucht der Herzen sperrangelweit die Tür öffnet.

 

Nicht mehr warten auf eine Zukunft, die vielleicht kommt. „Genieße das Leben, es ist später als du denkst“. Ein Sprichwort aus China. Oder das berühmte „Carpe diem“. Nutze den Tag. Weil das Leben nicht menschengemacht-perfekt ist, dafür durchdrungen von Gottes Vollkommenheit. Weil Vertrauen, diese Kraft, die Gott mir schenkt, mich in meiner Schwachheit stark sein lässt. Ich will ein Leben leben, das nicht unendlich ist, aber ewig. Die Zeit ist kurz, aber sie soll bitte mit Leben getränkt sein, das mich verändert, mich erfahren lässt, wie nahe mir Gott ist.

 

Davon spricht Paulus. Neues Leben, über das er nicht verfügt, aber das seine Kraft erhält und genährt wird, von einer Hoffnung auf eine Zukunft, die einfach auf uns zukommt, weil es Gottes Zukunft ist. Für Paulus ist klar. Bald, ganz bald. Wird die Welt sich umdrehen. Eine andere werden. Eine andere. Denn das Wesen der Welt vergeht… Sehnen wir uns nicht täglich danach bei all dem Leid auf allen Kanälen? Zurück auf Anfang. Weg mit dem Kram. Echtes Brot, handgemachte Socken, ein Liebesbrief auf Papier. Nichts mehr wegwerfen. Da ist dieser Spalt zwischen Oberfläche und Tiefe. Sein. Nicht vor allem und von allem was haben.

 

…diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. (Luther 2017)

 

Verliert euch nicht an diese Welt, auch wenn ihr in ihr lebt. (Hoffnung für alle)

 

Paulus ist überzeugt. Er hat keine Zeit. Aber es gibt eine Zukunft.  Und das für alle Welt. Er ist voller Vorfreude. Er bekommt von diesem Leuchten aus der Ewigkeit die Kraft, sich Zeit zu lassen, Zeit zu nehmen, loszulassen. Zu haben, als hätte er nicht. Zu weinen, als weinte er nicht. Zu lachen, als lachte er nicht.  Er liebt im Hier und Heute als Vorübergehender.

 

Keine Zeit haben, heißt für Paulus, nicht zu horten.  Kein Sonderangebot im Vorbeigehen. Nicht der Versuch von billiger Gelassenheit an den Grabbeltischen dieser Zeit.

 

Ganz gelassen loslassen.  Dafür eintauchen in das was Leben ist. Reden, bis uns die Stimme versagt.  Oder schweigen, weil alle Worte fehlen. Uns die Hände aneinander dreckig machen und am Ende die Hände, die Fäuste öffnen, um die Hand reichen zu können. Das kostet Zeit, Kraft, Vertrauen. Paulus ging von der nahen Wiederkunft Jesu aus. Wir wissen nun mehr. Es sind viele Jahrhunderte vergangen. Unser Zeitbegriff beißt sich mit dem von Gottes Ewigkeit.  Wir scheinen zu ahnen, dass wir alle Zeit der Welt haben. Manchmal leben wir sogar, als hätten wir ein zweites Leben im Keller oder müssten es nur einkaufen. Dem ist nicht so.

 

Über die  spannenden und provozierenden Sätze freilich „auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine“ oder: Deshalb sollen sich jetzt auch die Verheirateten so für den Herrn einsetzen, als wären sie nicht verheiratet,   haben sich schon viele gelehrte Menschen den Kopf zerbrochen. Wie jetzt? Soll ich ohne Rücksicht auf Verluste, einfach mal auf Teufel komm raus, und dann kommt der Teufel raus, mich in Stuttgart auf die Königsstraße stellen und das Ende der Welt verkündigen? Ist doch egal, wenn sich, die mir angetraute Frau daheim die Augen ausweint, weil ihr die Last der Welt so sehr zu schaffen macht?  Das haben schon einige ausprobiert. Ohne Frage. Das ist im besten Fall lieblos und dumm, im schlimmsten Fall vielleicht sogar Gott und seinem Wort, aus blindem Ehrgeiz gelästert. Weil man glaubt zu wissen, was für Gott mehr zählt. Missionieren, nicht die Straße kehren… Plakate malen, anstatt zu umarmen. Und wenn nicht? Um es nicht noch komplizierter zu machen:

 

 Was bedeutet es für mich, zu leben, als wäre ich ledig, frei und ungebunden? Darüber habe ich sehr viel nachgedacht. Unser viertes und jüngstes Kind ist am vergangenen Montag zum Studium nach Tübingen gezogen. 27 Jahre und zwei Wochen, immer mit ein bis vier Kindern im Haushalt sind Geschichte.  Jetzt verlangen „nur noch“ die Katzen ihr Futter…Dienstagmorgen. Startschuss in ein anderes Leben? Klar, es gibt viel zu tun. Die Verlage hätten gerne neue Texte, die Dachfenster sind schmutzig. Meine Aufgaben im Tierschutz enden nie.  Aber nein. Was ist jetzt dran? Was kann ich mir hier und heute einfach leisten? Mit ein paar Tränen in den Augen gehe ich in den Wald. Umarme eine alte Eiche. Beobachte ein Reh. Blicke zum Himmel. Befehle meine Kinder guten Mächten an. Beginne ein Gespräch mit meinem Engel. Ich komme heim und es ruft niemand „Mama, wann ist das Essen fertig?“. Das tut weh. Das ist schön. Zeit als Geschenk. Ich habe und lebe jetzt ein wenig mehr davon für mich, und kann mit Paulus Paulus lesen.   

 

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach den hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

 

Nicht nur um sich selbst weinen. Für andere, deren Tränen versiegt sind. Sich für den Nächsten freuen. Menschen nicht besitzen wollen, sie loslassen und lieben. Nicht hamstern, sondern der Freiheit Raum lassen. Nicht trauern weil etwas vergangen ist, lächeln über die Geschenke des Gewesenen und weitergehen.  Vertrauen üben, vertrauen in die Zukunft mit Gott haben. Sich frei fühlen und frei werden, um im hier und heute mit Jesus zu leben. Seiner Zukunft entgegengehen, die wie ein Leuchtfeuer in die Tage des Jahres 2018  scheint. Wir müssen nicht mehr warten.  Die Zeit ist kurz, aber erfüllt. Die Zeit ist kurz, aber es ist höchste Zeit, dass wir einander in Liebe und Dankbarkeit, in Demut und Güte, die Hände reichen. Die Zeit ist reif zu leben, wie Gott es gemeint hat.  Amen.     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cornelia Elke Schray, Eglingen

 

Mit Hilfe einer Vorlage von Pfrin. Dr. Frey-Anthes,  aus  den Pastoralblättern/Kreuzverlag  Oktober 2018